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indigen & exogen als Randpfeiler menschlicher Existenz
Mensch & Natur 28. Dezember 2025 8 Min.

indigen & exogen als Randpfeiler menschlicher Existenz

Eine Betrachtung der Konzepte indigen und exogen als fundamentale Randpfeiler der menschlichen Existenz.

Indigene Essenz Philosophie Bewusstsein Selbstbestimmung

Versteht man den Begriff indigen in seiner ursprünglichen, antiken Form als Beschreibung einer menschlichen Existenzweise, dann erschafft ein indigener Mensch Glück und Sinnhaftigkeit aus sich heraus und generiert Bedeutung und Wissen aus einem Zustand des Seins. Folgt man dieser Logik, trägt somit jeder Mensch die indigene Essenz in sich. Sie ist nicht auf eine bestimmte Nationalität, Ethnie oder Kultur beschränkt und beschreibt den natürlichsten Geisteszustand des menschlichen Seins.

Viele der noch existierenden sogenannten Urvölker dieser Welt leben in tiefer Verbundenheit mit der Natur. Aus Sicht der westlichen Welt sind sie für ihr einfaches und überraschend glückliches Leben bekannt. Sie werden demnach richtigerweise mit dem Begriff indigen in Verbindung gebracht. Auch wenn dieser Begriff im vorherrschenden Sprachgebrauch vielmehr als geografisch-ethnisches Etikett fungiert. Dieses Etikett wird von den gesellschaftlich führenden Institutionen und Regierungen vergeben und erlaubt es, die Identität solcher Volksgruppen in die äußere, verwaltbare und kontrollierbare Sphäre zu verlagern. Ein Begriff, der die Erschaffung „von innen heraus” beschreibt, wird somit zum Instrument der Verwaltung und Kontrolle „von außen”.

Der kanadische Anthropologe Jeremy Narby, der zwei Jahre mit den Asháninka-Indianern im peruanischen Amazonasgebiet lebte, fasst das Dilemma der indigenen Völker in seinem Bestseller „The Cosmic Serpent” wie folgt zusammen (S. 152 ff.):

„Erstens müssen sie sich mit dem Verlust auseinandersetzen, den ihnen die Geschichte zugefügt hat, um den wahren Wert ihres Wissens anzuerkennen.” In den letzten 500 Jahren hat die westliche Zivilisation den indigenen Völkern eingetrichtert, dass sie nichts wissen, sodass einige von ihnen dies inzwischen glauben. Damit sie den Wert ihres eigenen Wissens schätzen lernen, müssen sie sich damit abfinden, dass sie in die Irre geführt wurden. Zweitens geht es um Geld. Eine indigene Kultur mit ausreichend Territorium und zweisprachiger sowie interkultureller Bildung ist besser in der Lage, ihre Mythologie und ihren Schamanismus zu bewahren und zu pflegen. Umgekehrt bedroht die Beschlagnahmung ihres Landes und die Auferlegung einer fremden Bildung, durch die ihre jungen Menschen zu Amnesiekranken werden, nicht nur das Überleben dieser Menschen, sondern auch das einer ganzen Wissensweise. Es ist, als würde man die ältesten Universitäten der Welt und ihre Bibliotheken nacheinander niederbrennen und damit das Wissen zukünftiger Generationen opfern.”

Glück vs. Vergnügen

Tatsächlich lässt sich die indigene Existenzweise als Ausdruck des menschlichen Strebens nach Glück beschreiben. Es handelt sich um eine Lebensweise, die jeden Moment gelebt werden muss und die niemand besitzen oder vergeben kann. Obwohl alle Lebewesen den gleichen grundlegenden Wunsch haben, die ganze Zeit glücklich zu sein, verstehen nur sehr wenige Menschen die wahren Ursachen von Glück. Normalerweise glauben wir, dass äußere Umstände wie Essen, Freunde, Autos, Reisen, Häuser oder Geld die Ursache für Glück sind. Deshalb verwenden wir im Streben nach diesen Dingen fast unsere gesamte Lebenszeit und Energie. Vordergründig scheint es so, als könnten diese Dinge uns glücklich machen. Geht es nach den Werten unserer modernen, materialistischen Gesellschaft, dann sind diese Dinge erstrebenswert und machen glücklich.

Folgt man dieser Logik, dann sollte mit dem technischen Fortschritt, der unser Leben immer bequemer macht und uns mit Technologien überhäuft, auch die mentale Gesundheit der Menschheit florieren. Doch genau hier zerbricht die gesamte Logik der modernen Gesellschaft. Denn tatsächlich nehmen die psychischen Probleme einer Gesellschaft mit dem technischen Fortschritt und dem materialistischen Wohlstand zu [1], [2]. Die Ursachen dafür sind sehr komplex und werden bis heute intensiv diskutiert.

Für den Zweck dieser Untersuchung wollen wir uns auf den Unterschied zwischen Glück und Vergnügen konzentrieren. Obwohl sich beide Gefühlszustände in mancher Hinsicht ähneln, sind sie das Produkt zwei verschiedener Lebensweisen. Diese Lebensweisen können, wie wir später noch sehen werden, als indigen und exogen beschrieben werden.

Wer sein Glück darin sucht, ein Leben zu erschaffen, das so oft wie möglich Vergnügen in jeglicher Form beinhaltet, wird nur dann zufrieden sein, wenn er vergnügt ist. Vergnügen kann durch äußere Reize jeglicher Art erzeugt werden und zeichnet sich durch die kurzfristige Ausschüttung von Dopamin und Opiaten im Körper aus. Alle Formen der menschlichen Sucht beruhen auf der Ausschüttung dieser neurochemischen Stoffe. Dabei sind alle externen Reize inbegriffen, die wir in irgendeiner Form konsumieren können und die somit materialistischer Natur sind. Dazu zählen Sex, Glücksspiel, das Internet, Beziehungen, Shopping, Essen, Arbeit, Extremsport, Fitness, Pornografie und jegliche andere menschliche Aktivität.

Glück oder Zufriedenheit beruhen hingegen auf dem neurochemischen Brennstoff Serotonin, der gleichmäßiger und langsamer freigesetzt wird. Die stärksten natürlichen Serotonin-Booster sind körperliche Bewegung, Sonnenlicht, soziale Verbundenheit, Sinnhaftigkeit und Entspannung. Das sind alles Dinge, für die man im materialistischen Sinne nichts besitzen muss, sondern die durch das alleinige menschliche Sein in dieser Welt zugänglich sind.

Somit sind alle menschlichen Vergnügen exogener Natur, da sie durch ein bestimmtes Begehren von außen zugeführt werden. Glück oder Zufriedenheit sind hingegen indigener Natur, da sie unabhängig von externen Gegebenheiten von innen heraus generiert werden können.

Das Gefühl, das man erlebt, wenn die Welt für einen Moment stillsteht und man frei von externen Reizen und Begehren ist, gibt Aufschluss über das eigene Glücklichsein. Diese Weisheit findet sich in nahezu allen religiösen und mystischen Lehren der Menschheit und ist keineswegs neu. So heißt es beispielsweise in den buddhistischen Weisheiten: „Glück entsteht dann, wenn das Begehren endet.”

Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmung

Da jeder Mensch von Natur aus die indigene Essenz und somit die Quelle für Frieden und Glück in sich trägt, fragt man sich, warum es den meisten Menschen so schwerfällt, einen anhaltend friedlichen und freudvollen Geist zu bewahren. Es ist, als stünde unser Geist die ganze Zeit unter der Kontrolle zumindest subtiler Formen der Verblendung, was in täglicher Frustration endet. Es ist, als jagten wir fortwhile Luftspiegelungen nach, nur um dann enttäuscht zu sein, dass sie uns nicht die erhoffte Befriedigung geben. Diese Verblendungen finden ihren Ursprung in nahezu allen Bereichen der modernen Gesellschaft.

Wir leben in einer Welt, die uns Vergnügen als Glück verkauft. Reichtum und Erfolg werden anhand von Geld, gesellschaftlichen Auszeichnungen und Besitztümern definiert. Wissen wird von Kindesbeinen an von außen nach innen vermittelt. Dabei durchläuft man eine gesellschaftlich vorgegebene Checkliste, in der Hoffnung, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Immer mit der Prämisse, dass man umso erfolgreicher ist, je besser man dem vorherrschenden gesellschaftlichen Narrativ folgt. Natürlich sind wir als Menschen immer von unserem direkten Umfeld abhängig und müssen uns in die Gesellschaft einbinden, in der wir leben wollen. Entscheidend ist jedoch dabei auf welchen moralischen Grundlagen die Gesellschaft gründet und inwieweit ein eigenbestimmtes Leben gefördert wird und uns die gesellschaftlichen Normen befreien.

Wer in unserer heutigen Gesellschaft aufwächst, wird in die Fremdbestimmung hineingeboren. Von Kindesbeinen an erlernt man eine limitierende Selbstwahrnehmung. Bereits mit dem Eintritt in das staatliche Schulsystem ist man nur dann erfolgreich und kann die Weichen für eine gesellschaftlich erfolgreiche Zukunft stellen, wenn man sich den vorgegebenen gesellschaftlichen Werten beugt. In der Schule lernt ein Kind, dass Gehorsam wichtig ist und dass Fehler verboten sind. Fehler stehen in Verbindung mit schlechten Noten, Roteintragungen, Ärger und schlussendlich mit Misserfolg. Ein Kind darf nicht mehr experimentieren und selbst herausfinden, wie etwas funktioniert. Jeder Fehler vermittelt dem jungen Geist, dass er etwas falsch macht. So lernt man von klein auf, dass allein die gesellschaftlich vorgegebenen Werte wichtig sind und alles persönliche Empfinden, was womöglich diesen Werten widerspricht, zu unterdrücken ist. Es lernt, sich als unwichtig zu empfinden. Das Kind lernt, dass es fast ohne jeden Einfluss ist und hauptsächlich als Befehlsempfänger zu funktionieren hat.

Der moderne Mensch wird dazu erzogen, Rückhalt und Anleitung im von der Gesellschaft vorgegebenen Werteraster zu suchen. Zudem geht es um die permanente Verbreitung von Angst, Chaos und Verunsicherung gegenüber dem Unbekannten. Der moderne Mensch soll den Ausstieg aus dem etablierten gesellschaftlichen Raster fürchten. Hierbei werden allerlei augenscheinliche Bequemlichkeiten und Sicherheiten ins Feld geführt. Durch diese Kombination ist der moderne Mensch zu verunsichert, um Glück und Sinnhaftigkeit aus sich selbst heraus zu erzeugen. Deshalb sucht er die vermeintliche Sicherheit gesellschaftlicher Maßstäbe für Glück und Erfolg. Es geht um das Haben, weil das Sein niemals gesichert ist. Die eigenen Handlungen und Lebensentscheidungen basieren unbewusst auf der Idee, Kontrolle durch Sicherheit zu maximieren. Sicherheit durch die vorgegebenen gesellschaftlichen Werte und Kontrolle zur Unterdrückung der eigenen inneren Unsicherheit. Wenn die Gesellschaft vorschreibt, wie man sich zu kleiden hat, Steuern zu zahlen oder bis zur Rente zu arbeiten, dann kann ein verunsicherter Geist nur durch die Erfüllung dieser Vorgaben die Anerkennung der Gesellschaft erlangen. Eine solche Existenzweise ist durch die Gesellschaft fremdbestimmt und erzeugt eine lebenslange Abhängigkeit. Der Mensch ist dann nicht mehr „von innen geboren”, sondern von außen durch Systeme und Narrative konstruiert.

Unsere Vollkommenheit hängt von der Meinung und dem Beifall anderer Menschen ab. Wir existieren in der Vorstellung anderer und leben somit ein exogenes Leben. Diese Fremdbestimmung von der Vorschule bis zum Rentenalter unterdrückt die eigene innere Stimme. Denn wer immer nur gesagt bekommt, was er zu tun und zu lassen hat, um in dieser Gesellschaft „zu funktionieren”, hat nie Zeit, auf sich selbst zu hören. Aus dieser Unsicherheit heraus, nicht auf sich selbst hören zu können, sucht man umso stärker die Bestätigung von außen in den gesellschaftlich vorgegebenen Werten.

Zusammenfassung

Die Begriffe indigen und exogen beschreiben zwei grundlegende Existenzweisen, zwei verschiedene Arten der Orientierung gegenüber sich selbst und der Welt, zwei Charakterstrukturen, deren jeweilige Dominanz bestimmt, wie ein Mensch denkt, fühlt und handelt. Bei der indigenen Existenzweise geht es um Lebendigkeit und authentische Bezogenheit zur Welt. Sie beschreibt die wahre Natur und Wirklichkeit einer Person. Eigenverantwortung, Authentizität und Selbstbestimmung sind prägend für diese Lebensweise.

Die exogene Existenzweise basiert auf der Idee, dass Glück und Sinnhaftigkeit von außen erzeugt werden können. Sie manifestiert sich durch ein fehlendes Selbstwertgefühl und eine falsche Selbstwahrnehmung. Aufgrund dieser inneren Unsicherheit sucht man automatisch nach Wertschätzung und Stabilität von außen. Das fehlende Selbstvertrauen, der eigenen inneren Stimme zu folgen und das zu tun, wofür man brennt, ist ein Produkt der modernen Gesellschaft. Die exogene Lebensweise basiert auf der stetigen Suche nach Vergnügen und gesellschaftlicher Anerkennung. Sie steht im Gegensatz zur indigenen Lebensweise.

Wie Minus- und Pluspol definieren diese beiden Perspektiven die Grundpfeiler des menschlichen Seins. Tatsächlich ist diese Analogie sehr zutreffend, da wir uns durch unsere Gedanken und Handlungen umpolen und uns somit in die eine oder die andere Richtung bewegen können.

Die Unterscheidung menschlicher Existenzweisen in indigen vs. exogen ist keine neue Sichtweise, sondern findet sich in abgewandelter Form und mit unterschiedlicher Symbolik in nahezu allen Religionen und Philosophien. So wusste bereits Aristoteles, dass Glück (Eudaimonia) durch die Verwirklichung der eigenen Natur entsteht und nicht durch Besitz, Status oder äußere Güter. Auch Erich Fromm beschreibt mit seinem Werk „Haben oder Sein” genau diese Thematik. Alle schamanischen Mythen dieser Welt lehren unabhängig voneinander, dass Wissen in uns wohnt und nicht durch externe Institutionen gelehrt werden kann. Auch die vedischen und buddhistischen Traditionen lehren uns mit dem Vergleich zwischen „Atman vs. Maya” die gleichen scheinbar universellen und zeitlosen Wahrheiten. Es ist Gnosis vs. Gesetz.

Die Unterscheidung in indigen und exogen ist somit nichts weiter als eine sprachliche Neufassung jahrtausendealter Weisheitslehren. Aus diesem Grund ergibt dieser Vergleich intuitiv Sinn und stellt damals wie heute eine Gefahr für unmoralische Machtstrukturen dar. Denn überall, wo Menschen lernen, dass sie selbst die Quelle von Wissen, Glück und Verständnis sind, bricht externe Kontrolle zusammen.

Weiterführende Artikel:

DIE WIEDERENTDECKUNG UNSERER INDIGENEN ESSENZ