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Eine Untersuchung der indigenen Begriffsdeutung
Mensch & Natur 8. Dezember 2025 6 Min.

Eine Untersuchung der indigenen Begriffsdeutung

Eine Erkundung der Bedeutung des Begriffs 'indigen' und seiner Relevanz für unser Verständnis von Mensch und Natur.

Indigene Essenz Philosophie Selbstbestimmung Freiheit

Laut dem im Jahr 1991 in Kraft getretenen Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO 169), das mittlerweile von Ländern wie Bolivien, Mexiko, Norwegen oder Spanien ratifiziert wurde, gilt eine Gemeinschaft als indigen, wenn sie vor der Ankunft anderer Bevölkerungsgruppen an ihrem Siedlungsort lebte und ihre eigenen sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Institutionen teilweise oder vollständig bewahrt hat. Zudem muss sich die Gemeinschaft selbst als indigen bezeichnen. Demnach zählen die Quechua in Bolivien, die Maya in Mexiko oder die Sami in Norwegen formal zu den indigenen Völkern. Der Begriff indigen leitet sich dabei vom lateinischen Wort für “Einheimischer” — indigena — ab. In diesem Zusammenhang ist der Begriff ein ortsabhängiges Merkmal für “vor Ort geboren”. Diese Begriffsdeutung geht bis in das Römische Reich zurück. So bezeichnete Vergil ca. 19 v. Chr. mit “indigenae Italici” die Eingeborenen Italiens, die das Land bereits vor den ankommenden Trojanern besiedelten.

Moderner Sprachgebrauch

Heute wird der Begriff indigen von offizieller Seite eingesetzt, um bestimmte Bevölkerungsgruppen voneinander zu separieren. Damit sind verschiedene Volksstämme gemeint, die sich durch ihre kulturellen Eigenarten wie Traditionen, Sprachen und Weltbilder von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und durch Kolonialisierung, Migration und Staatenbildung verdrängt wurden oder immer noch werden. Regierungen und andere zentralisierte Organisationen können verschiedenen Gruppen von Menschen den Status indigen gewähren oder verweigern. So gelten politische Abkommen wie das in der Einleitung genannte ILO 169 als Grundlage für Schutzprogramme, Landrechte und kulturelle Sonderrechte. Laut den gesellschaftlich führenden Institutionen wie der United Nations (UN) gelten heute rund 476 Millionen Menschen offiziell als indigen.

Damit sollen indigene Völker offiziell vor Landraub geschützt und ihre Sprache, ihre Rituale und ihr Wissen bewahrt werden. Es gibt dabei keine offiziell anerkannte objektive Zeitgrenze, wie lange eine Gruppe von Menschen an einem Ort gelebt haben muss, um als indigen zu zählen. Genauso wenig gibt es eine universelle Anerkennung dieser indigenen Völker durch alle Regierungen dieser Welt. So erkennt beispielsweise die deutsche Regierung keine indigenen Völker im Sinne des ILO-Übereinkommens auf dem eigenen Staatsgebiet an. Die Kategorie indigen würde Forderungen nach Landrechten, kultureller Selbstverwaltung und politischer Autonomie nach sich ziehen, weshalb Sorben, Friesen oder Sinti & Roma lediglich als Minderheiten gelten. Auch ethnische Deutsche gelten nicht als indigen, da sie von staatlicher Seite als “Mehrheitsgesellschaft” eingestuft werden und der Begriff indigen offiziell nicht als universelle anthropologische Kategorie verwendet wird.

Ein Blick über den Atlantik zeigt ein ähnliches Bild. In Kanada bestimmt die Regierung seit 1876 mit dem Indian Act über indigene Zugehörigkeiten. Demnach zählt nur derjenige als indigen, der in einem staatlichen Register eingetragen ist. Durch diese administrative Definition kann der Staat festlegen, wer Anspruch auf Land und Entschädigung hat und wer als “aufgegangen in der Zivilisation” gilt und somit nicht mehr als indigen anerkannt wird.

Auch in Zeiten der Kolonisierung spielte der indigene Begriff eine bedeutende Rolle. So wurden in den französischen Kolonien wie Algerien, Westafrika oder Indochina die kolonisierten Bevölkerungen offiziell als indigènes bezeichnet. Der Begriff diente dabei zur Trennung von Rechten und Pflichten. Die Indigènes standen außerhalb des französischen Zivilrechts. Sie unterlagen einem Sonderstrafrecht, dem sogenannten Code de l’indigénat, das willkürliche Strafen, Zwangsarbeit und Entrechtung erlaubte.

Auch Spanien bezeichnete während der Kolonialzeit die Bevölkerung seiner Kolonien in Amerika, Afrika und Asien als indígena. Der Begriff wurde jedoch niemals auf die in Spanien lebenden iberischen Minderheiten, wie die Basken oder Katalanen, angewendet, da eine solche universelle Anwendung des Begriffs — ähnlich wie auch im deutschen Beispiel — einen strukturellen Machtverlust auf eigenem Staatsgebiet bedeuten würde.

Ein auf den ersten Blick positiv wirkendes Beispiel war Bolivien unter Evo Morales. Im Jahr 2006 wurde die indigene Zugehörigkeit unter dem neuen Präsidenten zur tragenden Identitätsachse des Staates. Landrechte und kulturelle Autonomie wurden erweitert. Damit wurde der Begriff jedoch auch stark instrumentalisiert. Wer sich politisch gegen die Regierung stellte, riskierte, als “nicht wahrhaft indigen” bezeichnet zu werden. Zwar wurde der Begriff indigen hier nicht wie in den französischen oder spanischen Kolonien als Stigma benutzt, sondern vielmehr als Auszeichnung, der Machtmechanismus blieb jedoch gleich.

Zusammenfassend wird der Begriff indigen im heutigen Sprachgebrauch zu politischen Zwecken eingesetzt, um Ansprüche auf Land, Rechte oder Autonomie zu legitimieren. Die Identität einer Volksgruppe wird dabei in die äußere, verwaltbare, juristische Sphäre verlagert, um Konflikte zu steuern, Minderheiten zu definieren, Schutzprogramme zu erstellen und Identitäten zu politisieren. Mit dem Begriff indigen werden Gesellschaftsgruppen separiert, die bisher außerhalb staatlicher Gesetze und gesellschaftspolitischer Machtstrukturen existierten, um sie besser in diese Strukturen einzugliedern. Diese Völker erhalten rechtliche Anerkennung, politische Mitsprache und zusätzliche finanzielle Ressourcen, die jedoch häufig ungleich verteilt und unvollständig sind. Das eigentliche Resultat dieser Maßnahmen ist in vielen Fällen die Bürokratisierung indigener Identitäten durch staatliche Programme sowie die Einbettung indigener Organisationen in staatliche Steuerungsmechanismen. Zudem kann jede Regierung und jede Institution selbst festlegen, welche Bevölkerungsgruppen sie als indigen anerkennt. Was den Begriff zu einem Etikett politischer Kategorisierung und Machtverwaltung macht.

Der Begriff indigen wurde durch die vorherrschenden globalen Machtverhältnisse korrumpiert und wird auf dieser Grundlage bis heute politisch missbraucht und fehlinterpretiert.

Lösen wir uns nun einmal von dieser gesellschaftlich vorgegebenen Begriffsdeutung und interpretieren den Begriff indigen aus einer neuen Perspektive. Tatsächlich ist die indigene Essenz in jedem Menschen vorhanden und weder vom Urteil anderer Menschen abhängig noch an Zeit, Ort oder Kultur gebunden.

Antike Deutung

Wenn wir den Begriff indigen richtig verstehen wollen, dann müssen wir zurück in die Antike schauen. Der Begriff indigena stammt ursprünglich aus der klassischen Antike und steht in engem Zusammenhang mit der griechischen Idee des autochthonen Menschen. Autochthon bedeutet so viel wie “aus der Erde selbst entsprossen”. Die römische Literatur überlieferte diesen griechischen Begriff mit dem Wort indigena.

Dabei ist der lateinische Begriff eine Zusammenführung der Wörter indu: von innen heraus und gignere: erzeugen. Das heißt, der Begriff indigen steht wörtlich für von “innen heraus erzeugen” und kann sinngemäß als “von innen geboren” übersetzt werden. Diese Wortbedeutung entspricht der ursprünglichen Übersetzung des griechischen Wortes autochthonos. Somit hat der Begriff in seinem Ursprung keinen Bezug zu Ethnie, Besitz oder Grenzen. Indigen beschreibt keine Zugehörigkeit zu einem Land, sondern eine Zugehörigkeit zu sich selbst, quasi eine Verbindung zum eigenen Sein. Die Tatsache, ob ein Mensch indigen lebt oder nicht, ist weder an einen Ort noch an eine Zeit gebunden. Genauso wenig können selbsternannte Autoritäten anderen Menschen oder einer Gemeinschaft diesen Status verleihen oder entziehen, da es sich um einen Zustand des Seins und nicht des Habens handelt.

Der Begriff indigen beschreibt einen inneren Geisteszustand und die Verkörperung einer persönlichen Lebensweise. Indigene Menschen generieren Bedeutung und Wissen wörtlich aus sich selbst heraus. Solch ein Mensch lebt aus seiner eigenen Natur und Vernunft heraus. Die indigene Essenz ist somit in jedem Menschen vorhanden und beschreibt die natürlichste Form geistiger Autonomie. Im Gegensatz zur heute überlieferten geographisch-historischen Lesart gilt diese Deutung für alle Menschen in jedem historischen Moment und unabhängig von Ethnie, Herkunft oder Kultur.

Ein sogenannter Indigena in seiner ursprünglichen Bedeutung trägt die Essenz der Freiheit in sich. Er generiert Bedeutung, Wissen und Glück aus sich selbst heraus. Er lebt im Einklang mit den Gesetzen der Natur, ist selbstgenügsam und souverän und kann deshalb nicht kontrolliert oder durch Angst manipuliert werden. Er ist kein Produkt äußerer Systeme, sondern Ausdruck einer inneren Wahrheit. Wissen ist demnach kein Produkt externer Quellen und Autoritäten, sondern ein lebenslanger Prozess innerer Erkenntnis.

Die gesellschaftliche Dynamik beider Begriffsdeutungen

Im modernen Sprachgebrauch wurde die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs indigen nahezu auf den Kopf gestellt. Während der Kolonialisierung beispielsweise repräsentierte indigen nicht “von innen geboren”, sondern wurde zum geopolitischen Etikett für “von außen beherrscht”. Der universelle Bewusstseinsbegriff indigen wurde zu einer soziopolitischen Kategorie umformuliert.

Die führenden Institutionen dieser Welt fördern und stabilisieren im Rahmen staatlicher Machtlogik eine Deutung von indigen als historische Gruppenidentität, um das potenziell systemgefährdende Freiheitsprinzip zu neutralisieren. Die Fokussierung auf Ethnizität, Historie und Geografie spaltet die Menschheit, ist politisch bearbeitbar und kontrollierbar. Das Konzept der inneren Autonomie und eines freien, souveränen Geistes wird unterdrückt, da Menschen in dieser Existenzweise nicht manipulierbar und regierbar sind.

Die moderne, äußere Bedeutung des Begriffs indigen hält die Menschheit in einem machtpolitischen Kontrollschema gefangen und verschiebt den sozialen Diskurs auf Schuldfragen, Besitzansprüche und Minderheitendiskurse. Die Umdeutung zu einem geografisch-ethnischen Etikett ist eine subtile Form der Entmachtung. Sie trennt die Menschen von der universellen indigenen Quelle in ihnen selbst und ersetzt sie durch eine administrierbare Identität im Außen.

Indigen ist und bleibt jedoch in Wahrheit ein Zustand des Seins, den jede Kultur und jeder Mensch jederzeit verkörpern kann.

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