Was ist Propaganda?
Eine Analyse des Begriffs Propaganda, seiner Geschichte und seiner Auswirkungen auf die moderne Gesellschaft.
In der öffentlichen Wahrnehmung westlicher Gesellschaften gilt Propaganda meist als Relikt der Vergangenheit. Wenn der Begriff überhaupt verwendet wird, dann meist zur Beschreibung der Machenschaften feindlicher Regime oder historischer Extrembeispiele aus dem 20. Jahrhundert. Doch kaum jemand ist in der Lage, diesen Begriff logisch zu beschreiben, ohne sich dabei auf bestimmte Personen, Epochen oder Institutionen zu berufen. Es ist jedoch entscheidend, diese Mechanismen und die Notwendigkeit von Propaganda richtig zu verstehen. Dieser Artikel liefert deshalb eine allgemeine Definition des Begriffs “Propaganda”, die sowohl orts- als auch zeitunabhängig angewendet werden kann. Unsere Analyse stützt sich dabei auf universeller Logik und innerer Kohärenz. Und obwohl wir eine moderne theoretische Beschreibung als Ausgangspunkt nutzen, definieren wir den Begriff auf Grundlage seiner praktischen Entstehung in der menschlichen Geschichte.
Wir werden dabei den Begriff Propaganda immer wieder aus der Perspektive des Naturrechts betrachten. Dieses besagt in Kurzfassung, dass alle Lebewesen mit dem Recht auf Selbstbestimmung geboren sind und daher das natürliche Recht besitzen, ihren eigenen Willen auszuüben, um in Souveränität und frei von Gewalt oder Zwang zu leben. Wir ermutigen alle, die sich noch nicht mit dem universellen Konzept des Naturrechts beschäftigt haben, dies wohlwollend nachzuholen.
Moderne Begriffsdeutung und Wortherkunft
Der Begriff Propaganda stammt vom lateinischen Verb “propagare” ab und bedeutet so viel wie “ausbreiten, vermehren oder fortpflanzen”. Eine der gängigsten modernen Definitionen für Propaganda findet sich im deutschen Duden oder im Oxford Language Dictionary:
“systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher oder ähnlicher Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen.”
Die Formulierung “systematische Verbreitung” lässt dabei auf einen geplanten, koordinierten und zielgerichteten Prozess als Teil eines übergeordneten Systems schließen.
Ursprung
Laut offizieller Geschichtsschreibung geht die erste institutionelle Verwendung des Begriffs “Propaganda” auf das Jahr 1622 zurück. Damals gründete die katholische Kirche unter Papst Gregor XV. die Sacra Congregatio de Propaganda Fide. Wörtlich bedeutet dies so viel wie “Heilige Kongregation für die zu verbreitenden Dinge des Glaubens”. Diese päpstliche Behörde hatte den expliziten Auftrag, den katholischen Glauben zentralisiert, koordiniert und systematisch zu verbreiten. Damit reagierte das Heilige Römische Reich auf die Phänomene jener Zeit. Die bisherige Deutungshoheit des Heiligen Römischen Reichs über Mitteleuropa begann im vorangegangenen Jahrhundert zu wanken.
Durch die Erfindung des Buchdrucks und eine zunehmende Alphabetisierung der Bevölkerung entwickelte sich eine Öffentlichkeit, in der Informationen dezentral geteilt werden konnten. Somit wurde das zuvor einzig von oben nach unten vermittelte Weltbild vergleichbar und angreifbar. Das Volk war nun in der Lage, seine eigene Wahrheit über Flugschriften und Pamphlete auf reproduzierbare, vergleichbare, anonyme und überregionale Weise zu verbreiten. Beispiele für solche europaweit bekannten anti-autoritären Flugschriften sind “Das Narrenschiff” von Sebastian Brant oder “Discours de la servitude volontaire” [Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen] von Etienne de La Boetie.
“Wenn ihr beschließt, nicht mehr zu dienen, dann seid ihr frei.”
[Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen; Etienne de La Boetie]
Zudem nahmen die Machtstrukturen mit der Zeit immer repressivere Ausmaße an. Das zeigte sich beispielsweise in der Enteignung von Nutzungsrechten, höheren Abgaben und härteren Strafen. Diese Ausdehnung und Verdichtung der Machtstrukturen externer Autorität ist dabei kein Einzelfall, sondern eine logische Konsequenz. Eine machthabende Klasse von Menschen wird immer Interesse daran haben, mehr Macht zu erlangen. Keine institutionelle Autorität der Welt kann oder wird genau die Praktiken verbieten oder einschränken, auf denen ihre eigene Existenz basiert. Vielmehr wird sie immer versuchen, zu wachsen. Diese Mechanismen lassen sich orts- und zeitunabhängig beobachten. Zunehmende totalitäre Strukturen führen unweigerlich zu einer Bewusstseinssteigerung der unterdrückten Zielgruppe, da das unmoralische Herrschaftsverhältnis allmählich zu offensichtlich und zu schmerzhaft wird. Dies hat in weiterer Konsequenz Unruhen und Aufstände zur Folge.
Aus Sicht der katholischen Kirche hat der Augustinermönch und Priester Martin Luther dieses gesamte Spannungsverhältnis noch weiter eskaliert. Obwohl es sehr viel über die Kontroverse mit Luther zu sagen gibt, wollen wir es zum Zweck dieser Untersuchung so lang wie nötig und so kurz wie möglich halten. Als innerkirchlicher Akteur und Teil der katholischen Bildungselite erschütterte Martin Luther im Jahr 1517 mit seinen 95 Thesen das kirchliche Wahrheitsmonopol. Er übte indirekte Autoritätskritik und stellte viele Praktiken der katholischen Kirche infrage, ohne die grundlegenden Mechanismen von Macht und Kontrolle durch eine externe weltliche Autorität jedoch infrage zu stellen. Unabhängig von Luthers persönlicher Intention wirkte die Reformation strukturell stabilisierend und absorbierte die Spannungen seiner Zeit. Als Leitfigur eröffnete er mit seiner Zwei-Reiche-Lehre dem neuen staatlichen Machtmodell die Tür. Durch die Etablierung des Protestantismus als neue Staatsreligion konnten die vorhandenen radikal autonomen Kräfte und Ideen, wie sie beispielsweise durch Thomas Müntzer oder Sebastian Franck in Mitteleuropa vertreten wurden, im Keim erstickt werden. Die grundlegenden materiellen Machtverhältnisse blieben bestehen; lediglich die Begründung von Herrschaft wurde so angepasst, dass sie von der unterdrückten Zielgruppe wieder akzeptiert wurde. Die Reformation entschärfte die potenzielle soziale Sprengkraft einer wahren Evolution dieser Zeit, ohne eine tatsächliche Machtumverteilung zuzulassen. Abgaben, Frondienste und Gehorsam liefen ab sofort unter anderen Vorzeichen und mit anderer Begrifflichkeit ab, bestanden jedoch weiterhin.
Im Jahr 1622 reagierte die katholische Kirche auf die beschriebenen sozialen Umwälzungen und den Geist der Zeit, indem sie die “Sacra Congregatio de Propaganda Fide” gründete. Diese Behörde sollte den Protestantismus als konkurrierendes Glaubenssystem auf systematische und strukturierte Weise bekämpfen und die eigene Lehre sprachlich, kulturell und strategisch an unterschiedliche Kontexte anpassen. Dabei ging die Kirche offen und selbstbewusst mit der Tatsache um, dass sie das Weltbild anderer Menschen gezielt beeinflussen wollte, um ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen.
Nichtsdestotrotz verlagerte sich die externe Autorität im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend vom religiösen in den politischen Raum. Zentralisierte religiöse Institutionen verloren ihre Autorität, da eine sakrale Wahrheit nicht mehr ausreichte, um Herrschaft zu legitimieren. Durch das gesteigerte öffentliche Bewusstsein entwickelte sich der moderne Staat zu einem zunehmend wirksameren Autoritätsmodell, wodurch die grundlegenden Machtstrukturen aufrechterhalten wurden. Somit wurde der Ketzer zum Staatsfeind, der Priester zum Beamten und die Sünde zur Straftat.
Moderne Nationalstaaten traten an die Stelle der Kirche als zentrale Wahrheits- und Ordnungsmacht. Schulbücher ersetzten Predigten als das langfristig wirksamste Mittel zur Wahrheitsvermittlung. In Preußen etwa wurde das staatliche Bildungswesen gezielt ausgebaut, um Loyalität, Disziplin und Pflichtbewusstsein zu fördern. Geschichtsbücher erzählten eine lineare nationale Geschichte, in der der Staat als natürlicher Höhepunkt der historischen Entwicklung erschien. Die religiöse Heilsgeschichte wurde durch die nationale Fortschrittsgeschichte ersetzt.
Erst im frühen 20. Jahrhundert, als staatliche Propaganda durch die beiden Weltkriege industriell, zentralisiert und psychologisch systematisch eingesetzt wurde, erhielt der Begriff seine negative Konnotation. Auch hier können wir festhalten, dass die zunehmend übertriebene und totalitäre Anwendung von Propaganda in Form von gezielter Desinformation, Zensur, Feindbildern und Kriegshetze zu einer Bewusstseinssteigerung der unterdrückten Zielgruppe geführt hat. Nach Kriegsende erkannte die Öffentlichkeit, dass ihre Wahrnehmung gezielt manipuliert worden war. Propaganda wurde nicht deshalb negativ, weil sie existierte, sondern weil ihre Techniken erkannt wurden. Sichtbare Manipulation verliert ihre Legitimität.
Fazit
Zunächst müssen wir festhalten, dass Propaganda stets mit einer institutionellen, zentralisierten Machtstruktur einhergeht. In Mitteleuropa war das zunächst die katholische Kirche und später die daraus entstandenen Nationalstaaten. In beiden Fällen handelt es sich um eine externe Autorität, die den Menschen ein Weltbild vorgibt. Da weder Staat noch Kirche als eigenständige Akteure existieren, sind es immer konkrete Menschengruppen, die im Namen dieser Institutionen Wahrheit definieren und Macht ausüben. Diese Menschen argumentieren stets, dass sie im Namen einer größeren Sache — göttliche Ordnung, Allgemeinwohl, öffentliche Ordnung etc. — handeln. Diese externe Autorität definiert Regeln und Normen, die auf Zwang und Nötigung basieren. Unter der Annahme des Naturrechts als normativem Maßstab handelt es sich deshalb immer um ein unmoralisches und unnatürliches Konstrukt.
Um eine solche von außen vorgegebene Ordnung langfristig aufrechtzuerhalten, ohne permanent Gewalt anzuwenden, bedarf es einer systematischen Steuerung von Wahrnehmung, Bedeutung und Verhalten. Genau hier liegt die funktionale Rolle der Propaganda. Dabei besteht eine direkte Abhängigkeit zwischen dem öffentlichen Bewusstsein der Zielgruppe über den Aufbau und die Funktionsweise der gegenwärtigen Machtstruktur und der Art und Weise, wie Propaganda umgesetzt werden muss. Je größer das öffentliche Bewusstsein, desto subtiler muss die Propaganda sein.
Auf Basis dieser Untersuchung treffen wir folgende universelle Definition für den Begriff Propaganda
“Propaganda ist die systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher oder ähnlicher Ideen und Meinungen mit dem Ziel im Namen einer selbsternannten höheren Autorität einen dauerhaften Macht- und Steuerungsanspruch über eine Zielgruppe zu erheben, wobei das allgemeine Bewusstsein der Zielgruppe so beeinflusst wird, dass es dieser externen Autorität Loyalität und Legitimation entgegenbringt. Je größer das öffentliche Bewusstsein der Zielgruppe gegenüber diesen unmoralischen Machtstrukturen ist, umso subtiler müssen die Techniken der Propaganda angewendet werden.”