Was ist Technokratie?
Eine Einführung in das Konzept der Technokratie und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und individuelle Freiheit.
Dieser Artikel ist das erste Kapitel aus dem Buch ‘Wie man dem Technokratischen Staat entkommt.’ von Derrick Broze. [Originaltitel: “How to Opt-Out of the Technocratic State]
Was ist Technokratie?
Im frühen 20. Jahrhundert begann sich eine Bewegung um eine politische Theorie namens Technokratie zu entwickeln, bei dem die Regierungsführung von technischen Experten übernommen wird und häufig unter Einbeziehung technologieorientierter Lösungen agiert. Frühe Befürworter der Technokratie behaupteten, dass dieses Konzept zu einer besseren Nutzung von Ressourcen und zum Schutz des Planeten führen würde. Jedoch würde dieses auf technischen Experten und deren Technologie basierende Regierungssystem auch mit einem Verlust der Privatsphäre einhergehen, so wie mit einer Zentralisierung der Macht und der Kontrolle des gesamten menschlichen Verhaltens. Obwohl der Begriff anscheinend weitgehend in Vergessenheit geraten ist, kann man die philosophischen Ansätze und den Einfluss der Technokratie überall in unserer modernen digitalen Welt erkennen.
Einer der einflussreichsten Befürworter der Technokratie war der Schriftsteller Howard Scott, welcher 1919 die “Technical Alliance” in New York City gründete. Scott war der Ansicht, dass Unternehmensinhaber nicht über die erforderlichen Fähigkeiten und Daten verfügen, um ihre Branchen zu reformieren und daher die Kontrolle an Ingenieure übergeben werden sollte. Im Jahr 1932 gründeten Scott und sein Mitstreiter Walter Rautenstrauch das “Committee on Technocracy” an der Columbia University. Die Gruppe sollte sich schließlich spalten, wobei Scott die “Technocracy Incorporated” leitete und der Technokrat Harold Loeb für das “Continental Committee on Technocracy” zuständig war.
Im Jahr 1938 veröffentlichte “Technocracy Incorporated” eine Publikation, in welcher sie ihre Vision einer Technokratie vorstellten:
Die Technokratie ist die Wissenschaft des Social Engineerings, die wissenschaftliche Steuerung des gesamten sozialen Mechanismus zur Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen an die gesamte Bevölkerung dieser Erde. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird dies als wissenschaftliches, technisches und ingenieurtechnisches Problem gelöst. Es wird keinen Platz für Politik oder Politiker, Finanzen oder Finanziers, Gaunereien oder Schwindler geben. Die Technokratie besagt, dass diese Methode zur Steuerung des sozialen Mechanismus des nordamerikanischen Kontinents jetzt zwingend erforderlich ist, da wir von einem Zustand tatsächlicher Knappheit in den aktuellen Zustand potenziellen Überflusses übergegangen sind, in dem wir künstlich in einer aufgezwungenen Knappheit gehalten werden, um ein Preissystem aufrechtzuerhalten, welches Waren nur mittels eines Austauschmediums verteilen kann.
Die Technokratie behauptet, dass Preis und Überfluss unvereinbar sind: Je größer der Überfluss, desto geringer der Preis. In einem echten Überfluss kann es überhaupt keinen Preis geben. Nur durch die Aufgabe der störenden Preiskontrolle und die Einführung einer wissenschaftlichen Methode der Produktion und Verteilung kann ein Überfluss erreicht werden. Die Technokratie wird über ein Verteilungszertifikat für jeden Bürger von Geburt bis zum Tod sorgen. Das technokratische System wird den gesamten amerikanischen Kontinent von Panama bis zum Nordpol umfassen, welches durch die natürlichen Ressourcen und die natürliche Begrenzung dieses Gebiets, eine unabhängige, eigenständige geografischen Einheit formt. [Hervorhebung von mir]
Technokraten verbreiteten ihre Vision einer zentral geplanten Welt mittels Bücher, Reden, Clubs und politischer Parteien. Dies führte in den Jahren nach der Großen Depression zu einer kurzen Phase der Beliebtheit in den USA und Kanada. Während Politiker und Ökonomen nach einer Lösung für das finanzielle Desaster suchten, stellten sich die Technokraten eine Welt vor, in welcher Politiker und Unternehmensinhaber in der Verwaltung der Wirtschaft durch Wissenschaftler, Ingenieure und andere technische Experten ersetzt würden.
Allerdings ließ in den 1940er Jahren das Interesse der breiten Öffentlichkeit an der Technokratie-Bewegung nach. Einige Forscher führen dies auf das Fehlen einer kohärenten politischen Theorie zur Erreichung von Veränderungen zurück, während andere sagen, dass Präsident Roosevelt und der New Deal eine alternative Lösung für finanzielle Not boten. Was auch immer die Ursache war, die Technokratie verlor ihren Platz in den Diskussionen der Mainstream-Politik, auch wenn die industrielle Revolution neue Technologien hervorbrachte und dies in bisher unvorstellbaren Reichtum für diejenigen resultierte, welche diese Technologien kontrollierten.
Die der technokratischen Vision zugrunde liegenden Ideen erhielten 1970 eine bemerkenswerte Zustimmung, als der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski sein Buch “Between Two Ages: Americas Role in the Technetronic Era” veröffentlichte. Brzezinski ist langjährigen Forschern der herrschenden Elite durchaus bekannt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2018 verkehrte Brzezinski in denselben Kreisen wie David Rockefeller und der ehemalige Außenminister und angeklagte Kriegsverbrecher Henry Kissinger. Brzezinski diente als Berater mehrerer Präsidenten, von Jimmy Carter bis Barack Obama. Er war ebenso Mitglied des Atlantic Council, der National Endowment for Democracy und des Council on Foreign Relations.
Obwohl Brzezinskis “Between Two Ages” den Begriff “Technetronic” anstelle von “Technocracy” verwendet, ist die Darstellung der Zukunft dieselbe: eine Welt, in der die wissenschaftliche und technologische Elite das Leben der gesamten Menschheit zentral plant. Im Wesentlichen handelt es sich bei Brzezinskis Vision um einen technologisch fortschrittlichen, autoritären Kollektivismus, bei dem individuelle Freiheiten den vermeintlichen Bedürfnissen des Kollektivs untergeordnet werden. Brzezinski erklärt “technetronic” folgendermaßen:
Die postindustrielle Gesellschaft entwickelt sich zu einer “technetronischen” Gesellschaft: einer Gesellschaft, welche kulturell, psychologisch, sozial und wirtschaftlich von den Auswirkungen der Technologie und Elektronik geprägt ist — insbesondere im Bereich von Computern und Kommunikation. Der industrielle Prozess, welcher die Sitten, die soziale Struktur und die Werte der Gesellschaft verändert, ist nicht mehr der Hauptfaktor des sozialen Wandels…
In der “technetronischen” Gesellschaft beeinflusst wissenschaftliches und technisches Wissen nicht nur die Produktionsfähigkeiten, sondern wirkt sich auch direkt auf nahezu alle Lebensbereiche aus. Die wachsende Fähigkeit zur sofortigen Berechnung komplexester Interaktionen und die zunehmende Verfügbarkeit biochemischer Mittel zur Kontrolle des Menschen erweitern das potenzielle Spektrum bewusst gewählter Ausrichtung und erhöhen dadurch auch den Druck, zu lenken, zu wählen und zu verändern. [Hervorhebung von mir]
Hier sind noch einige weitere aussagekräftige Zitate aus “Between Two Ages: America’s Role in the Technetronic Era”, welche den Aufbau einer globalen Technokratie als Ziel deutlich machen:
Es gibt eine weitere, weniger offensichtliche, aber nicht weniger grundlegende Bedrohung für die liberale Demokratie. Direkt mit den Auswirkungen der Technologie verbunden, geht es um das allmähliche Erscheinen einer stärker kontrollierten und gelenkten Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft würde von einer Elite dominiert, deren Anspruch auf politische Macht auf angeblich überlegener wissenschaftlicher Fachkenntnis beruht. Ungehindert der Einschränkungen traditioneller liberaler Werte würde diese Elite nicht zögern, ihre politischen Ziele mithilfe modernster Techniken zur Beeinflussung des öffentlichen Verhaltens zu erreichen und die Gesellschaft unter enger Überwachung und Kontrolle zu halten. Unter solchen Umständen würde das wissenschaftliche und technologische Momentum des Landes nicht umgekehrt, sondern tatsächlich von der Situation profitieren und sich davon ernähren.
Anhaltende soziale Krisen, das Auftauchen einer charismatischen Persönlichkeit und die Ausnutzung der Massenmedien, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen, wären die Stufen zur schrittweisen Transformation der Vereinigten Staaten in eine stark kontrollierte Gesellschaft.
Heutzutage erleben wir das Aufkommen transnationaler Eliten, die jedoch aus internationalen Geschäftsleuten, Wissenschaftlern und Regierungsbeamten bestehen. Die Verbindungen dieser neuen Eliten überschreiten nationale Grenzen, ihre Perspektiven sind nicht auf nationale Traditionen beschränkt und ihre Interessen sind funktionaler Natur und nicht national. Intellektuelle Eliten neigen zunehmend dazu, in globalen Problemen zu denken: der Notwendigkeit, Rückstände zu überwinden, Armut zu beseitigen, Überbevölkerung zu verhindern, effektive Friedenssicherungsmechanismen zu entwickeln. Das Interesse an Ideologie weicht der Besorgnis um Ökologie, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und der Kontrolle von Krankheiten, Drogen und Wetter. Es herrscht weitgehender Konsens darüber, dass funktionale Planung wünschenswert ist und der einzige Weg ist, um verschiedenen ökologischen Bedrohungen zu begegnen.
Die Fiktion der Souveränität ist offensichtlich nicht mehr mit der Realität vereinbar. Es ist an der Zeit gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um einen neuen Rahmen für die internationale Politik zu schaffen. Es gibt bereits weitgehende Übereinstimmung über die Entwicklung internationaler Friedenstruppen. Das aufkommende globale Bewusstsein zwingt dazu, die Fixierung auf nationale Vorherrschaft aufzugeben und die globale Interdependenz zu betonen.
Brzezinskis Vision der Zukunft war nicht bloß Spekulation oder Vermutung. Er war ein Mitglied der herrschenden Klasse und er verbrachte sein Leben damit, Nationen — und deren Bevölkerungen — als Schachfiguren zu verwenden, in einem Spiel, bei dem die meisten Spieler gefährlich ahnungslos gegenüber der sich um sie herum entfaltenden Realität sind. Meiner Meinung nach beschreibt Brzezinskis Buch die sich entfaltende Welt der frühen 2020er Jahre.
Es ist empfehlenswert sich intensiv mit seinem Werk auseinanderzusetzen, um faszinierende Einblicke in unsere aktuelle Lage und die mögliche Richtung, in welche wir steuern könnten, zu erhalten.
Da wir nun ein wenig über die Geschichte der Technokratie wissen und dessen grundlegende Ideen verstehen, ist es an der Zeit die heutige Welt unter dem Gesichtspunkt der Technokratie zu betrachten.
Beginnen wir bei den reichsten Unternehmen und einflussreichsten CEOs. Diese Personen leiten Unternehmen, welche immense finanzielle Vermögen angesammelt haben und unfassbare Mengen an digitalen Daten über ihre Kunden besitzen. Von Jeff Bezos mit Amazon, Bill Gates mit Microsoft, Mark Zuckerberg mit Facebook, Elon Musk mit Tesla bis hin zu weniger bekannten Namen bei Google, Apple und Co — dies sind die Technokraten der frühen 2020er Jahre. Interessanterweise scheint Musk einen ähnlichen Weg wie sein Großvater Joshua Haldeman zu gehen, der Forschungsdirektor bei “Technocracy Incorporated of Canada” und nationaler Vorsitzender der “Social Credit Party” war.
Dieser Personenkreis und ihre Kollegen in anderen technologischen Branchen haben durch ihre Unternehmen, ihren Reichtum und ihren kulturellen Einfluss eine immense Macht. Sie verfügen über genug Geld, Ressourcen und Verbindungen, um beispielsweise Wahlen zu beeinflussen, das Klima zu manipulieren und Einfluss auf den Aktienmarkt zu nehmen. Sie sind die Technokraten-Klasse von heute.
Ich möchte den potenziellen zukünftigen Leser daran erinnern, dass diese Namen in ferner Zukunft möglicherweise nichts mehr bedeuten — sie könnten tatsächlich Relikte einer längst vergangenen Zeit sein. Unabhängig von den Namen der Unternehmen, CEOs und Regierungen, welche diese Rollen einnehmen, bleiben die Bedenken und möglichen Lösungen dieselben. Wenn die Technologie weiterhin exponentiell voranschreitet, ist es wahrscheinlich, dass auch der Trend zur Überwachung anhält. Mit dem Verlust von Privatsphäre geht ein Rückgang der individuellen Freiheiten einher. Das wollen wir versuchen zu überwinden.
Ein weiterer Aspekt der technokratischen Welt ist der zunehmende Einsatz von Überwachungswerkzeugen wie Gesichtserkennung, Spracherkennung, 24/7-Videoüberwachungskameras, künstlicher Intelligenz, algorithmischer Manipulation, Handyortung, Überwachung sozialer Medien, Standortverfolgung, digitales Abhören über intelligente Geräte und der allgemeine Trend hin zu einem von 5G und potenziell 6G gesteuerten “Smart Grid”. Natürlich werden diese Technologien nicht als Überwachungsinstrumente beworben, sondern vielmehr als Werkzeuge für Sicherheit, Bequemlichkeit, Bildung und Profit. Das Ergebnis ist jedoch dasselbe: Individuen und Unternehmen fördern technologische Lösungen für die Probleme der Welt, was zu einem Verlust individueller Freiheiten und einer zunehmenden zentralisierten Kontrolle führt.
Natürlich verkauft man der Gesellschaft die Notwendigkeit einer vollständig vernetzten digitalen Welt, in der Technologen und wissenschaftliche Experten unser Leben organisieren, was durch eine gesunde Dosis Propaganda des beliebtesten Komplizen eines jeden Staates, den Konzern- und Staatsmedien, unterstützt wird. Brzezinskis Buch “Between Two Ages” bietet weitere Einblicke in den technokratischen Plan:
In der technetronischen Gesellschaft scheint der Trend dahin zu gehen, die individuelle Unterstützung von Millionen unorganisierter Bürger zu bündeln, welche leicht von charismatischen und attraktiven Persönlichkeiten erreicht werden können und die neuesten Kommunikationstechniken effektiv zur Manipulation von Emotionen und zur Kontrolle der Vernunft zu nutzen. [Hervorhebung von mir]
Gemeinsam bilden die Technokraten (auch bekannt als Big Tech), ihre gehorsamen Freunde in den Medien und ihre Partner in den Regierungen den sogenannten Technokratischen Staat. Der Rest dieses Buches ist der Aufgabe gewidmet, Löcher in diesen technokratischen Staat zu schlagen und seine Schwächen auszunutzen. Wie in der Einleitung erwähnt, wenn wir Privatsphäre und Freiheit bewahren wollen, müssen wir uns ständig entwickelnden Technologien anpassen, welche unsere Herzen und Köpfe potenziell befreien oder einsperren können. Ich glaube, dass der Schlüssel im Widerstand gegen die Technokratie in der Arbeit von Samuel Konkin III und seiner Theorie der Counter-Ökonomie (Counter-Economics) liegt.