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Weihnachten: Von heiligen Nächten, magischen Pilzen und der Verbindung zum universellen Bewusstsein
Mensch & Natur 7. Januar 2025 10 Min.

Weihnachten: Von heiligen Nächten, magischen Pilzen und der Verbindung zum universellen Bewusstsein

Der zweite Teil der Erkundung von Weihnachten, heiligen Nächten, magischen Pilzen und ihrer Verbindung zum universellen Bewusstsein.

Spiritualität Bewusstsein Indigene Essenz

Im ersten Artikel dieser Weihnachtsserie (Die schamanischen Wurzeln des Weihnachtsfestes: Eine Reise zu unseren Vorfahren) haben wir bereits die Verbindungen zwischen den westlichen Weihnachtstraditionen und den schamanischen Riten der Stammesvolksgruppen im vorchristlichen Nordeuropa untersucht. Wir haben auch den Zusammenhang zwischen der Wintersonnenwende und dem Weihnachtsfest beleuchtet.

Nun wollen wir den spirituellen Hintergrund unserer Weihnachtstraditionen etwas näher erkunden. Gehen wir dazu noch einmal zurück zu unseren Vorfahren ins kalte Sibirien. Zur Wintersonnenwende streiften die Schamanen in ihren rot-weißen, pelzbesetzten Mänteln und langen schwarzen Stiefeln durch die verschneiten Wälder und sammelten Fliegenpilze. Anschließend schleppten sie den heiligen Pilz mit der psychoaktiven Substanz Muscimol zum Trocknen und Verzehr nach Hause. Aber warum all die Mühe, nur um in den kalten, dunklen Wintertagen etwas Abwechslung zu haben? Welche Rolle spielte diese Substanz in den Ritualen unserer Vorfahren?

Fliegenpilz: Tor zum Göttlichen und Schlüssel schamanischer Rituale

In den indigenen Kulturen der nördlichen Hemisphäre, insbesondere in den nördlichen Regionen Eurasiens gilt der Fliegenpilz als ein heiliges Geschenk der Natur. Sein psychoaktiver Hauptwirkstoff Muscimol löst halluzinogene und traumähnliche Zustände aus und ist ein fester Bestandteil schamanischer Riten. In diesem zeremoniellen Kontext wird der Fliegenpilz als Entheogen bezeichnet, da er zur Förderung und Verstärkung spiritueller Erfahrungen eingesetzt wird. Der Begriff Entheogen leitet sich von den griechischen Wörtern en (innen), theos (Gott) und genesthai (erwecken) ab. Man erweckt also mit diesen Substanzen buchstäblich das Göttliche in sich selbst.

Gemäß der offiziellen wissenschaftlichen Erklärung bindet Muscimol bei der Einnahme an GABA-Rezeptoren im Gehirn und verstärkt dadurch die Wirkung hemmender Neurotransmitter und kann intensive Träume, visuelle Veränderungen und ein verändertes Raum-Zeit-Gefühl hervorrufen. Der durch den Pilz hervorgerufene tranceartige Zustand wird in der schamanischen Lehre oft als symbolischer Tod mit anschließender spiritueller Wiedergeburt interpretiert. Dieser Prozess beinhaltet eine tiefe Selbstreflexion, Selbsteinschätzung und den Abbau des Egos. Die Erfahrung kann einen Rückblick auf das eigene Leben beinhalten und den Einzelnen zwingen, sich mit seinen Illusionen und kulturell bedingten Überzeugungen auseinanderzusetzen, was für die spirituelle Entwicklung unerlässlich ist. Diese Erfahrung ähnelt sehr einer Nahtoderfahrung und ist somit ein wichtiger Bestandteil des Schamanismus.

Fliegenpilze sowie andere Entheogene sind somit keinesfalls eine Partydroge oder etwas, mit dem man leichtfertig umgehen sollte. Diese Substanzen gehören ausschließlich in einen zeremoniellen Kontext und sollten nur in erfahrener Begleitung und nach ernsthaftem Selbststudium konsumiert werden. [Wer mehr über dieses Thema erfahren möchte, dem empfehlen wir unsere Buchübersetzung Der Pilz & die Menschheit.]

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Stammesvolksgruppen Nordeuropas um die Wintersonnenwende magische Pilze sammelten und anschließend in einem heiligen und rituellen Kontext verzehrten. Dabei galt die heilige Gabe der Natur als Portal zum universellen Bewusstsein, um das Leben besser zu verstehen, die Natur zu ehren und die spirituellen und physischen Bedürfnisse der Gemeinschaft zu erfüllen. Diese Zeremonien wurden zudem oft mit der jährlichen Wintersonnenwende verbunden, um sich von alten Lasten zu befreien und mit neuer Energie und Weisheit zurückzukehren.

Der Weihnachtsmann als allwissendes Symbol?

Die meisten von uns haben als Kinder von ihren Eltern und anderen Erwachsenen die gleichen Geschichten über den Weihnachtsmann gehört. Der bärtige, rot-weiß gekleidete alte Mann kann alles sehen und bringt den braven Kindern, die sich das ganze Jahr über ehrlich und anständig verhalten haben, zu Weihnachten Geschenke. Für die bösen Kinder hat er die Rute dabei, um sie für ihr Verhalten zu bestrafen. Der Weihnachtsmann ist also ein allwissendes Symbol, welches die Herzen und Absichten aller Menschen auf der Erde lesen kann. Er repräsentiert die universelle Wahrheit “Sei gut und nicht böse”.

Die Erfahrungen, die man bei der zeremoniellen Einnahme des Fliegenpilzes macht, können durchaus mit dieser universellen Wahrheit verglichen werden. Durch die Einnahme dieser Substanz kommt der Mensch in Kontakt mit seiner eigenen spirituellen Natur. Wenn dein Geist rein und deine Stimmung gut ist, wird dich dieser Pilz näher an das universelle Bewusstsein bringen. Wenn du jedoch in einer schlechten Verfassung oder Stimmung bist und magische Pilze zu dir nimmst, wird deine Erfahrung unangenehm sein und du wirst beängstigende oder deprimierende Geisteszustände erleben. Wenn du Bosheit, Gier oder Neid in dir trägst, wird dich ein solches Entheogen in die Tiefen der Hölle führen. Wenn man aber Güte, Liebe und Wahrhaftigkeit in sich trägt, werden diese Erfahrungen einen in die Höhen jenes Himmels erheben. Der rot-weiß gekleidete Weihnachtsmann bringt also entweder Geschenke oder holt die Rute heraus. Er kann tatsächlich in diesem Zusammenhang die Herzen und Absichten aller Menschen lesen.

Also was ist, wenn der rot weiß gekleidete Weihnachtsmann kein allwissender bärtiger Mann ist, sondern eine Pflanze oder Substanz, die uns näher mit unserer indigenen Natur und dem universellen Bewusstsein in Verbindung bringt?

Außerdem feiern wir nach christlicher Tradition am Morgen des 25. Dezember die jungfräuliche Geburt Jesu. In vielen Teilen der Welt finden glückliche Kinderaugen an diesem Morgen ihre rot-weiß verpackten Geschenke unter dem grünen Weihnachtsbaum. Die sibirischen Pilzsammler gingen nach alter Überlieferung im Morgengrauen in den Wald, um im grünen Nadelwald die rot-weißen Fliegenpilze zu sammeln. Diese Pilze wachsen scheinbar aus dem Nichts — ganz jungfräulich — aus dem Boden.

Vielleicht ist die Geburt Christi also eher als ein innerer Prozess des Erwachens des göttlichen Bewusstseins zu deuten und weniger wörtlich zu nehmen…