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Next Level Propaganda
Politik & Gesellschaft 5. März 2026 12 Min.

Next Level Propaganda

Von hybrider und kognitiver Kriegsführung bis zur digitalen Überwachung – wie moderne Propaganda die Denkfähigkeit der Bevölkerung ins Visier nimmt.

Propaganda Gesellschaftskritik Überwachung Kognitive Kriegsführung

In unseren ersten beiden Artikeln zur übergeordneten Thematik Propaganda, haben wir den Ursprung und die Notwendigkeit manipulativer Wahrnehmungstechniken für das Fortbestehen externer Autoritäten über das Leben großer Bevölkerungen erörtert. (Artikel „Was ist Propaganda?”) Mit dem Fortschreiten des 20. Jahrhunderts wurde die systematische Steuerung der öffentlichen Wahrnehmung zu einem festen strukturellen Bestandteil moderner Gesellschaften. (Artikel „Propaganda im Wandel der Zeit”) In diesem Kontext entstand Public Relations als professionalisierte Form der kontinuierlichen Meinungsbildung, die als Allheilmittel zum Ausbau politischer und wirtschaftlicher Macht dient. Nun wollen wir uns mit der fortschreitenden Entwicklung bis ins 21. Jahrhundert beschäftigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges etablierte sich der Begriff des Informationskriegs zwischen den rivalisierenden Mächten. Eine theoretische Grundlage für diese Entwicklung formulierte der amerikanische Diplomat George Kennan im Jahr 1948 mit seinem Konzept des „Political Warfare”, was er in einem internen Memorandum dem US-Außenminister unterbreitete. Darin beschrieb Kennan politische Konflikte als dauerhaften Wettbewerb unterhalb der militärischen Schwelle. Dieser sollte demnach über Medien, kulturelle Einflussnahme, wirtschaftliche Netzwerke und institutionelle Kooperationen geführt werden. Er legitimierte darin auch den staatlichen Einsatz verdeckter Instrumente wie die Unterstützung oppositioneller Kräfte, Desinformation, Geheimdienstoperationen und psychologische Kriegsführung im Kampf um das sogenannte nationale Interesse. Das staatliche Interesse in Ost und West dient hierbei als Legitimation für alle notwendigen Maßnahmen, um die Loyalität des eigenen Volkes gegenüber den vorherrschenden Machtstrukturen im eigenen Land und darüber hinaus zu sichern. Um dabei den Schein objektiver Analyse und akademischer Neutralität zu wahren, liefen die Formen psychologischer Kriegsführung und öffentlicher Manipulation ab dieser Zeit meist unter neutraler oder wissenschaftlich anmutender Terminologie wie „Internationale Kommunikation”, „Meinungsforschung” oder „Strategische Kommunikation”.

Hybrid Warfare

Ab Mitte der 2000er Jahre hielt der Begriff der „hybriden Kriegsführung” (engl.: „Hybrid Warfare”) zunehmend Einzug in die Köpfe der intellektuellen Taktgeber staatlicher Propaganda. Dieses neue Konzept strebte eine noch intensivere Verschmelzung militärischer, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Mittel an. Der US-Militäranalyst Frank G. Hoffman definierte „Hybrid Warfare” im Jahr 2007 als die koordinierte und gleichzeitige Nutzung konventioneller Streitkräfte, irregulärer Akteure, Informationsoperationen, politischer Einflussnahme sowie wirtschaftlicher und psychologischer Mittel innerhalb eines einheitlichen strategischen Rahmens. Es geht hier oberflächlich um Einflussstrategien rivalisierender Staaten. Diese dienen zur Formung geopolitischer Machtstrukturen. Letztendlich geht es aber auch um die Steuerung der eigenen Bevölkerung. Durch dauerhafte Informationsreize, Polarisierung und die Erzeugung von Unsicherheit verlieren die Bürgerinnen und Bürger den Überblick über das Geschehen um sie herum. In diesem Zustand der Verunsicherung suchen die Bürger natürlicherweise nach Sicherheit und Gewissheit und finden diese augenscheinlich in der präsentierten Wahrheit und der versprochenen Sicherheit der eigenen staatlichen Strukturen. Eine solche Gesellschaft basiert in der Konsequenz unweigerlich auf subtilen Mechanismen wie Selbstzensur, gesellschaftlicher Fragmentierung und Identitätskonflikten aus Angst vor neu aufkommender Ungewissheit und Unsicherheit. Spätestens ab dieser Zeit wurden Information, wirtschaftlicher Druck, gesellschaftliche Erwartungen und politische Einflussoperationen zu den entscheidenden strategischen Instrumenten moderner Macht.

Kognitive Kriegsführung

Die jüngste Eskalationsstufe staatlicher Propaganda ist die „Kognitive Kriegsführung” (engl. „Cognitive Warfare”). Dabei steht nicht mehr nur die klassische Manipulation von Informationen im Vordergrund, sondern die gesamte Denkfähigkeit der Bevölkerung. Mithilfe von Algorithmen, Dauerempörung, Fragmentierung und Emotionalisierung soll die Zielgruppe durch eine permanente Reizüberflutung vollständig destabilisiert werden. Die Bürger sollen nicht mehr von einer staatlichen Wahrheit überzeugt werden müssen, sondern angesichts der überwältigenden Informationsflut resignieren. Ein solcher desorientierter Mensch stellt keine Fragen mehr nach der Wahrheit, sondern sucht nur noch Zugehörigkeit und Sicherheit.

Der Propagandaforscher Jonas Tögel hat unter dem Titel Kognitive Kriegsführung ein ganzes Buch über diesen neuen, allumfassenden Krieg geschrieben. Der Begriff stammt dabei aus der Sicherheits- und Zukunftsforschung der NATO. Die NATO ist -wie den meisten Lesern sicherlich bekannt ist- das westliche Militärbündnis mit insgesamt über 30 Mitgliedsstaaten aus Europa und Nordamerika. In einem im April 2025 in Kooperation mit der European Defence and Security Conference veröffentlichten Forschungsbericht mit dem Titel „Cognitive Warfare – The Human Mind as the New Battlefield” schreibt die NATO ganz offen über ihre Bemühungen:

„Der Begriff ‚Kognitive Kriegsführung’ bezeichnet ein sich sowohl im akademischen als auch im militärischen Bereich entwickelndes Konzept. Es zielt darauf ab, menschliche Kognition und Technologie zu nutzen, um menschliche Entscheidungsprozesse zu stören, zu schwächen, zu manipulieren oder zu verändern. Bislang haben weder das Militär noch die akademische Gemeinschaft ein vollständig ausgereiftes Konzept der kognitiven Kriegsführung etabliert. In diesem Zusammenhang gab das NATO Allied Command Transformation im Juli 2024 bekannt, dass Anstrengungen zur Schaffung eines solchen Konzepts im Gange seien.” (S. 88)

In einer offiziellen Publikation aus dem Dezember 2025 wird der Begriff auch im Zusammenhang mit der zivilen Bevölkerung vonseiten der NATO verwendet:

„Kognitive Kriegsführung zielt darauf ab, Facetten der Wahrnehmung auszunutzen, um menschliche Entscheidungsprozesse zu stören, zu untergraben, zu beeinflussen oder zu modifizieren, indem menschliches Verhalten und Wahrnehmung mit allen Mitteln und unter Nutzung technologischer Fortschritte verändert werden. Dabei kommen militärische und nichtmilitärische Taktiken zum Einsatz, die sich sowohl gegen militärische Akteure als auch gegen die zivile Bevölkerung im gesamten Krisenspektrum richten.”

Dabei sind die westlichen Regierungen keineswegs die ersten oder einzigen Staaten, die sich mit solchem Gedankengut und Forschungsdrang beschäftigen. Ähnliche Konzepte sind in der chinesischen Militärtheorie als „Three Warfares” bekannt. Tatsächlich nimmt die chinesische Regierung eine Vorreiterrolle ein. Bereits im Jahr 2003 führte China die Konzepte der öffentlichen Meinungskriegsführung, der psychologischen Kriegsführung und der Rechtskriegsführung ein, als es die „Richtlinien für die politische Arbeit der Volksbefreiungsarmee” überarbeitete. Die chinesische Überwachungstechnologie – von Gesichtserkennungssoftware bis hin zu Smart ID-Cards – ist mittlerweile ein weltweiter Exportschlager. Dabei lassen sich Regierungen aus aller Welt vom chinesischen Modell eines totalitären Überwachungsstaates inspirieren.

Auch in russischen Strategiepapieren wird deutlich, dass Informationskriegführung und der Informationsbereich als zentrale Elemente des russischen Militär- und Sicherheitsdenkens betrachtet werden. Ähnliche Bemühungen sind beispielsweise auch bei der australischen Regierung zu beobachten. Es handelt sich hierbei um ein universelles Forschungsfeld aller Staaten und Regierungen dieser Welt. Denn logischerweise hat jeder Machthabende Interesse noch mehr Macht zu haben.

Dabei haben alle Militärbündnisse und Regierungen eines gemeinsam. Die Praktiken der kognitiven Kriegsführung werden von offizieller Seite immer nur von anderen Staaten praktiziert, weshalb man logischerweise gezwungen sei, dieses Forschungsfeld zu eröffnen, um sich vor den bösen Machenschaften anderer Staaten zu schützen. Selbstredend sei dazu angemerkt, dass keine Regierung der Welt solche Taktiken offiziell gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Wer jedoch die Natur der herrschenden Machtstrukturen unserer Welt verstanden hat, erkennt das logische Eigeninteresse aller Regierungen an der Ausdehnung und Intensivierung von Kontrolle und Überwachung im eigenen Herrschaftsgebiet. Warum sollte man die eigenen Erkenntnisse und technologischen Mittel also nicht nutzen? Dabei steht jeder Bürger im Fokus dieser neuen kognitiven Kriegsführung.

Die Informationsrevolution als Schlüsselrolle

Letztendlich stehen die jüngsten Entwicklungen staatlicher Propaganda in engem Zusammenhang mit der Informationsrevolution und der Etablierung des Internets im 21. Jahrhundert. In der Zeit vor dem „World Wide Web” besaßen staatliche Institutionen eine allgemeine Informationshoheit. Es war einfach, eine bestimmte Botschaft über Rundfunk, Zeitungen, Fernsehen und andere Kanäle zu verbreiten. Es war hingegen schwierig, diese Botschaft kritisch zu hinterfragen oder Zugang zu regierungs- oder kriegskritischen Informationen zu erhalten. Regierungen konnten unliebsame Medien sanktionieren, diffamieren und regulieren. Dazu musste jeder Staat lediglich die Kontrolle über die zentral gesteuerten Medienhäuser im eigenen Land bewahren. Wie das in Deutschland aussah und immer noch aussieht, haben wir in unserer Research-Analyse ausgiebig untersucht.

Mit der zunehmenden Dezentralisierung der Informationsbeschaffung durch das Internet verschob sich dieses Machtverhältnis. Mittlerweile besitzen über 80 Prozent der Weltbevölkerung ein Smartphone und können sich vergleichsweise frei informieren. Mit wenigen Klicks hat jeder einzelne Bürger Zugriff auf Informationen, welche die Deutungshoheit von Regierungen und anderen zentralisierten Institutionen infrage stellen. Diese Entwicklungen erfordern eine Neuausrichtung und Erweiterung staatlicher Propaganda. Dieses Umfeld erfordert kognitive Kriegsführung.

Gleichzeitig bieten das Internet der Dinge (IoT) und der technische Fortschritt in Form von Smartphones, Überwachungskameras, künstlicher Intelligenz, Smart Homes, Digitalwährungen und Gesichtserkennungssoftware noch nie dagewesene Möglichkeiten zur Steuerung und Überwachung der Bevölkerung.

In ihrem Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus” beschreibt die Ökonomin Shoshana Zuboff den digitalen „Schattentext”, den Menschen bei der Nutzung von Smartphones und Computern hinterlassen. Diese Daten – zusammengefasst als Big Data – erlauben eine detaillierte Analyse menschlichen Verhaltens und können mithilfe von Algorithmen und KI auch für militärische oder politische Einflussstrategien genutzt werden. So erklärte der Manager des NATO Innovation Hubs, François du Cluzel, 2021, dass die Nutzung solcher Daten im Zentrum moderner militärischer Forschung stehe. Ziel sei es, das Verhalten von Individuen besser zu verstehen und gegebenenfalls zu beeinflussen.

Aus dieser Entwicklung entsteht die Idee eines „digitalen Zwillings”, der das psychologische Profil eines Menschen abbildet. Darauf aufbauend wirken sogenannte Soft-Power-Technologien. Der Politikwissenschaftler Joseph Nye beschreibt Soft Power als die Fähigkeit, andere dazu zu bringen, das zu tun, was man möchte – ohne Gewalt oder Zwang. Ein bekanntes Beispiel ist das Mikro-Targeting, das etwa durch das Unternehmen Cambridge Analytica genutzt wurde. Durch die Analyse großer Datenmengen konnten individuell zugeschnittene Botschaften erstellt werden, um das Verhalten von Wählern gezielt zu beeinflussen. Das Unternehmen geriet international in Kritik, nachdem bekannt wurde, dass Millionen Facebook-Daten zur Durchführung politischer Kampagnen und psychologischer Einflussoperationen verwendet wurden.

Inwieweit die Entwicklung und Bekanntmachung des Internets selbst im Interesse globaler Machtstrukturen stand, sei hier einmal in den Raum gestellt. Schließlich entstand das Internet aus der militärisch finanzierten Forschung der DARPA und lief anfangs unter dem Begriff „ARPANET”.

Fazit

In vorstaatlichen Zeiten konnten einzelne Gruppierungen das Leben von Millionen Menschen kontrollieren, indem sie behaupteten, dieses Recht von einer übernatürlichen Kraft erhalten zu haben. Als diese manipulative Behauptung aufgrund des wachsenden öffentlichen Bewusstseins nicht mehr funktionierte, musste die Gier nach Macht neue Erklärungen finden. Das Verlangen elitärer Kräfte, über Land und Gesellschaft zu herrschen, führte zu dem bis heute aktuellen politischen Paradigma. Der weltbekannte Mythos besagt, dass das „gemeine Volk” Konzepte wie Regierungen, Militär und Behörden als Kompromiss für eine friedlichere Welt geschaffen habe. Tatsächlich wurden diese Ideen jedoch von Sophisten und Aristokraten populär gemacht, die von ihrer eigenen Überlegenheit überzeugt waren und der festen Meinung waren, dass das „gemeine Volk” beherrscht und kontrolliert werden müsse. Die Geschichte zeigt, wie sich das öffentliche Bewusstsein Stück für Stück dieser Tatsachen bewusst wurde – in den meisten Fällen durch Leid und Schmerz. Die Folge waren immer komplexere und subtilere Erklärungen und Strukturen autoritärer Macht, um die Massen in Schach zu halten.

Ideen wie der Sozialpakt, der Gesellschaftsvertrag, das nationale Interesse, das Allgemeinwohl, die Herrschaft der Mehrheit und die repräsentative Regierung haben das göttliche Recht der Könige und die Privilegien der Aristokraten ersetzt. In unserer modernen Kultur ist es notwendig, den einzelnen Bürger davon zu überzeugen, dass er über sich selbst bestimmt, um ihn effektiv beherrschen zu können. Aus diesem Grund ist die Rhetorik des sozialen Kontrollsystems, unter dem wir leben, voller Euphemismen, die den unterdrückerischen und gewalttätigen Charakter ihrer Existenz verschleiern. So wird die Bombardierung von Krankenhäusern oder Schulen als Verteidigungsschlag bezeichnet, ein Raubüberfall unter Androhung von Gewalt als Besteuerung, Entführung und Erpressung als Justiz und Gruppierungen von Menschen, die die Herrschaft über bestimmte geografische Gebiete beanspruchen, als Regierungen. Alle Bemühungen, diese Herrschaftsstruktur einer externen Macht über das Leben aller anderen zu legitimieren, können dabei als Propaganda bezeichnet werden.

Propaganda ist heute allgegenwärtig – und zugleich unsichtbar. Sie wirkt nicht durch Verbote, sondern durch Bedeutungsverschiebung. Nicht durch Zwang, sondern durch moralische Rahmung. Nicht durch Überzeugung, sondern durch Begrenzung des Denkbaren. So verwandelte sich der Informationskrieg in eine kognitive Kriegsführung. Propaganda entwickelt sich somit von der Steuerung dessen, was Menschen denken sollen, hin zur Beeinflussung der Art und Weise, wie Menschen denken.

„Die stärkste und wirksamste Kraft, um die langfristige Aufrechterhaltung von Macht zu gewährleisten, ist nicht Gewalt in all ihren Formen, die von den Herrschenden eingesetzt wird, um die Beherrschten zu kontrollieren, sondern Zustimmung in all ihren Formen, in denen die Beherrschten sich mit ihrer eigenen Unterwerfung abfinden.”

– Mark Boyle, Drinking Molotov Cocktails with Gandhi

Wer Propaganda verstehen will, muss aufhören, sie nur bei den anderen zu suchen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Propaganda existiert, sondern ob sie als solche erkannt wird.

Wer noch tiefere Einblicke in die potenzielle Zukunft staatlicher Überwachungs- und Propagandamethoden erhalten möchte, findet das beispielsweise bei Tom-Oliver Regenauer oder Jonas Tögel.

Artikelserie: Propaganda

  1. 1 Was ist Propaganda?
  2. 2 Propaganda im Wandel der Zeit
  3. 3 Next Level Propaganda